Kupferhäuser aus dem Messingwerk in Eberswalde

Die 300-jährige Geschichte des Messingwerkes am Finowkanal in Eberswalde, zu der auch die älteste Arbeitersiedlung Deutschlands gehört, ist seit 1863 bis zum Beginn der 1930er Jahre eng mit der jüdischen Industriellenfamilie Hirsch verbunden. Anfangs übernahm der aus Halberstadt gebürtige Gustav Hirsch die Leitung der Firma und modernisierte die Arbeiterhäuser. Ihm folgte 1899 sein Neffe Aaron Hirsch, der 1906 die Hirsch Kupfer- und Messingwerke AG gründete. In seinem Auftrag entwarf ab 1913 der Architekt Paul Mebes, ein führender Wegbereiter des modernen Städtebaus, verschiedene Bauten in der Messingwerk-Siedlung, darunter das Neuwerk mit der Erweiterung der Werksiedlung nach sozialreformerischen Grundsätzen, Verwaltungsgebäude und einer Direktorenvilla. Der 1917/18 erbaute Wasserturm („Hindenburg-Turm“) ist mit seinen 44 Metern Höhe das Wahrzeichen des Finowtales.

Der 1917/18 nach Entwürfen von Paul Mebes erbaute Finower Wasserturm („Hindenburgturm“) ist mit seinen 44 Metern Höhe das Wahrzeichen des Finowtales. Foto: Ines Sonder

Am Fuße des Wasserturms wurde 1931/1932 auch eine Mustersiedlung mit acht Kupferhäusern in Fertigbauweise errichtet, an deren Planung der Bauhaus-Gründer Walter Gropius beteiligt war. Die heute noch bewohnte Siedlung steht unter Denkmalschutz.

Luftaufnahme von der Kupferhaus-Siedlung am Messingwerk bei Eberswalde. Die heute noch bewohnte Siedlung steht unter Denkmalschutz. Foto: Ines Sonder

Die 1932 von René Schwartz, dem Schwiegersohn von Aron Hirsch, gegründete Deutsche Kupferhaus-Gesellschaft, hatte auch spezielle Modelle von Kupferhäusern für Palästina entwickelt, ab Juni 1933 in der Jüdischen Rundschau erste Annoncen geschaltet und im August einen Palästina-Katalog veröffentlicht. „Nehmen Sie ein Kupferhaus mit nach Palästina. Sie wohnen bei größter Hitze in kühlen Räumen“, wurde darin geworben.

Annoncen „Kupferhäuser für Palästina“, Sommer 1933, erschienen in der „Jüdischen Rundschau“. Entnommen aus: Friedrich von Borries/Jens-Uwe Fischer, Heimatcontainer. Deutsche Fertighäuser in Israel, Edition Suhrkamp, Berlin 2009  

Die Häuser trugen Namen wie Haifa, Tel Aviv, Jerusalem, Scharon oder Libanon, waren zerlegbar, konnten als „Umzugsgut“ verpackt in mehreren Kisten verschifft und vor Ort in wenigen Tagen aufgebaut werden. Bereits 1934, nach dem Verbot der Verwendung von Kupfer für den Hausbau durch das Reichswirtschaftsministerium, löste sich die Deutsche Kupferhaus-Gesellschaft auf. Etwa 14 Kupferhäuser wurden in diesem kurzen Zeitraum von deutsch-jüdischen Emigranten nach Palästina überführt, offenbar aber nur wenige errichtet. Bis heute erhalten haben sich drei Kupferhäuser auf dem Karmel bei Haifa und eines in Safed.

Richtfest von Haus Tuchler auf dem Karmel bei Haifa 1934, eines der wenigen Kupferhäuser, die tatsächlich in Palästina/Israel errichtet wurden. © Gabriel Tuchler, Haifa (Foto aus der Ausstellung im Wasserturm, Eberswalde)

Die Geschichte der deutschen Kupferhäuser in Israel wird in dem Buch „Heimatcontainer“ von Friedrich von Borries und Jens-Uwe Fischer ausführlich dargestellt (Edition Suhrkamp, 2009), in dem die Autoren auch ein prägnantes Zeitbild über die Familie Hirsch, ihre Firmen und die Bedeutung des Messingwerks geben.

Ines Sonder

Weitere Informationen beim Förderverein Finower Wasserturm und sein Umfeld e.V.: http://www.wasserturm-finow.de/Die-Musterhaus-Siedlung-von-Kupferhaeusern/
Hörbeitrag zur Messingwerksiedlung im Inforadio vom 04.06.2021: https://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/kultur/202106/04/572890.html
Vorschau auf einen Beitrag von Dilan Polat zur Familie Hirsch, der am 01.07.2021 in der Sendung „Brandenburg aktuell“ ausgestrahlt wird: https://www.rbb-online.de/industriekultur/beitraege/messingwerk-eberswalde-industrie-kultur-brandenburg.html
Am 04. Juni wurde der Projektgarten der Villa Hirsch in Messingwerk bei Eberswalde eröffnet. An einem der Gründungsorte der Hachschara-Bewegung in Deutschland steht dieser künftig unter anderem für begleitete Gruppenbesuche zur Verfügung: https://www.neue-soziale-plastik.org/chasak/methoden/hachschara-for-a-better-future